Rheinische Post, 18.04.01 Düsseldorf Feuilleton

Claudia Rogges Performance "will die Stadt nicht"

Vom Übermut der Ämter


Von der Öffentlichkeit kaum beachtet, findet seit einigen Wochen auf Düsseldorfs Revolutionsboulevard Königsallee ein Drama statt, das Elemente des Tragikomischen hat. Hauptdarstellerin ist die Freiheit; das Stück stammt von der Düsseldorfer Performance Künstlerin Claudia Rogge - kein Name so bekannt wie etwa der von Günter Uecker. Aber auch den hat es getroffen, als "sein" Platz von Amts wegen pflegeleicht asphaltiert wurde. Und wer weiß, was aus Ueckers Lichtstele am Graf-Adolf-Platz wird, wenn dort auf dem Telecom-Gelände ein Hotel gebaut wird.
Zurück zu Claudia Rogge; sie hat im Vorjahr mit einer Performance Aufsehen erregt, bei der zuerst Schweineköpfe, dann lebendige Menschen von der "Penner" genannten Sorte in einen Container gepfercht wurden, um so gegen eine neue Straßensatzung zu protestieren, mit der den Obdachlosen in Düsseldorf das Leben schwer gemacht werden sollte. Die Aktion war genehmigt, doch die Behörde fühlte sich hintergangen und versprach Claudia Rogge, "nie wieder" werde sie hier eine Genehmigung bekommen.
Als sie daher für die Fastenzeit 2001 eine Serie von sieben Performances über menschliche Schwächen mit so altmodischen, biblischen Begriffen wie "Völlerei", "Hochmut", "Wollust" oder "Neid" plante, bemühte sie sich gar nicht erst um eine Genehmigung. Die Rinderviertel der "Völlerei" auf dem Corneliusplatz wurden vom Amt für Umweltschutz im Schlachthof entsorgt; die "Wloolust" mit in Plastikbeuteln eingeschweisten Blut- und Milchproben brachte der Künstlerin die Konfiszierung der Objekte und die Androhung eines Zwangsgeldes in Höhe von 5000 Mark ein. Der Einspruch dagegen wurde zurückgewiesen.
Für ihre "Neid"-Performance bekam Claudia Rogge überraschend eine amtliche Genehmigung. Sie und ihr Mitstreiter Mike Neubauer wollten auf dem Burgplatz eine Gasse aus Fenstern errichten, um jedermann Gelegenheit zugeben, mittels Blick durchs Fenster auf den angeblichen Nachbarn seinen Neidkomplex abzureagieren. Doch dazu kam es nicht.
Wegen gefährlich starken Windes bauten die beiden Künstler ihre Installation an einer windgeschützten Ecke des Burgplatzes auf. Aber jene windstille Flecken war eben nicht genehmigt. Flink wie der Wind ließ das Ordnungsamt die Installation abmontieren und kassierte sie ein. Neue Genehmigungen, so erfuhren die Künstler, brauchen in Zukunft auch einen sehr viel längeren Entscheidungsweg.
Beim Einkassieren der "Wollust" hieß es: "Die Stadt will das nicht". Jetzt weiß Claudia Rogge, wie schon vor ihr Günter Uecker, dass sich der vom Prinzen Hamlet beklagte "Übermut der Ämter" von Shakespeares Zeit bis heute erhalten hat.
Gerda Kaltwasser