DIE WELT, Kunstmarkt, 17. Sept. 2005,

Alles in Ordnung

Untersuchungen in der ästhetischen Zone: Die Foto-Künstlerin Claudia Rogge

von Marianne Hoffmann

Die Düsseldorfer Künstlerin Claudia Rogge hat Kommunikationswissenschaften in Berlin und Essen studiert. Dieses Studium beinhaltet auch die intellektuelle Auseinandersetzung mit Soziologie, Psychologie und Philosophie. Theoretische Stützpunkte für die Künstlerin, die, um dem Vermarktungszwang, der PR-Ideologie ihres Studiums, zu entgehen, sich auf Werke von Elias Canetti und noch früher Niklas Luhmann stürzte. Den radikalen Grundsatz von Luhmann, daß Kunst grundsätzlich kommunizieren soll, hat sie sich zum Leitbild für ihre Kunst gemacht. Kunst die sich, wie ihre erste Performance 1999, mit "Randerscheinungen" der Gesellschaft auseinandersetzte.

In einem Container präsentierte sie vor dem Carsh-Haus in Düsseldorf Köpfe. Zwei Tage lang. Am ersten Tag waren es Obdachlose, die in diesen Container stiegen und deren Köpfe sich dann dem staunenden Publikum präsentierten. Am zweiten Tag füllte die strenge Vegetarierin die Container mit Schweineköpfen. Das Ordnungsamt Düsseldorf hatte ihr eine Sondergenehmigung erteilt, ohne zu wissen, welche Köpfe präsentiert werden sollten. Zur fertigen Installation erschienen dann neben der Presse, das Ordnungsamt, nebst Ordnungsdezernenten, und die Polizei. Man forderte die Künstlerin auf, von der Sondererlaubnis zurückzutreten. Sie tat es und die Schweineköpfe wurden ordentlich entsorgt. Das sie damit Aufsehen erregte, war der Künstlerin klar, aber nicht genug. Das sie Passanten damit aufrüttelte zu Reaktionen zwang, war für Claudia Rogge wichtig und Bestätigung, daß Kunst im öffentlichen Raum bewegt.

Es folgten Installationen in einem fest gefügten Glaskasten. Doch Claudia Rogge war das alles nicht genug. Masse, Bewegung, Kunst außerhalb von Museen und Galerien, Veränderung von Wahrnehmungen - keine Vorstellung ist für sie kühn genug, daß sie nicht auch umgesetzt werden kann. Wer kommt schon auf die Idee, einen 7,5 -Tonner so umzurüsten, damit 5000 Puppenköpfe oder aber 66 kauernde, nackte Männer von allen Seiten betrachtet werden können? Nur jemand, der besessen von einer Idee, auch diese Idee - gegen alle Argumente und Widerstände - verfolgt. Claudia Rogge baut einen Modell-Laster, samt gläsernem Aufbau und geht mit diesem Modell hausieren. Die Idee und die Beharrlichkeit: sie überzeugten Sponsoren und die Kurt-Eisner-Kultursstiftung ebenso wie den TÜV. Und dann ging es los. Quer durch Europa, von Metropole zu Metropole. Immer auf zentrale Plätze, immer zur Auseinandersetzung mit den Menschen, der Polizei und der Presse.

Die Projekte "mob il 1" und "mob il 2" wurden sorgfältig dokumentiert und in zwei aufwendigen Bildbänden veröffentlicht. Claudia Rogge hat während ihren Reisen Tagebuch geschrieben und fotografiert. Das Phänomen Masse hat wilde Assoziationsblüten getrieben. In Belgien erinnerte man sich an Marc Dutroux, den Kinderschänder, in Frankreich riefen die Puppenköpfe Erinnerungen an die französische Revolution, ein anderer fühlte sich an die "Killing Fields" in Kambodscha erinnert, und sandte sogar Fotos an die Künstlerin. Die Fotos und Videos, die in dieser Reisezeit entstanden sind, hat sie später bei Michael Schultz in Berlin und in Museen ausgestellt.

Das Phänomen Masse ist für Claudia Rogge als Thema noch lange nicht ausgeschöpft. Konsequent forscht sie weiter. In ihren neuesten Fotoarbeiten hat sie die Suche nach der Form, der Darstellungsmöglichkeit, der Ordnung neu formuliert. Das Model, das Claudia Rogge auswählt, wird von ihr eingekleidet. Mit jedem Kleidungsstück, jeder Geste, jedem Haarschmuck, selbst einer kleinen Schürfwunde am Ellenbogen eines kleinen Mädchens, komponiert die Künstlerin einen "Rapport" an monochromer Bewegung und Farbharmonie.
Die Einzelfotografie, jedenfalls in den meisten Fällen, wird so lange multipliziert und geordnet, bis es am Ende zu einem rhythmischen Muster auf der Bildfläche kommt. Dem Betrachter dieser Werke bleibt dennoch genügend Raum für eigene Assoziationen. Zeitgleich entstehen lebensgroße Plexiglas-Stelen, die in Reihe oder hintereinander angeordnet, massenhaft Perspektiven eröffnen. Sie wurden bisher durch die Galerie Voss (Düsseldorf) auf Kunstmessen gezeigt. Diese Werke sind eher museal, die Zeit der Provokationen mit Schweineköpfen in Containern scheint vorbei. "Wenn man zu laut provoziert", mein Claudia Rogge weise, "wird nachher nur noch über die Provokation gesprochen.

Die konsequente Weiterentwicklung dem Phänomen Masse auf ihre unterschiedliche Wirkungsweise zu kommen, ist intensiver geworden, leiser. Doch wer diese quirlige Person kennt, weiß, daß man sich noch auf manche Überraschung gefaßt machen darf.