Süddeutsche Zeitung, Kultur 24. April 2002

Die Masse macht's
Claudia Rogges mobile Installation "mob il 1" sorgt für Aufmerksamkeit

Eine ältere Dame bleibt abrupt vor dem seltsamen Vehikel stehen. Was sie da vor sich in der Fussgängerzone erblickt, scheint sie zu irritieren: ein gläserner LKW, gefüllt mit 5000 industriell gefertigten, rosa Puppenköpfen. "Is' ja cool!", meint ein Jugendlicher. Sofort drängen auch seine Klassenkameraden näher heran. Zwei Polizisten, die vom Leberkässemmel-Einkauf kommen, drücken bei dem widerrechtlich abgestellten Fahrzeug gnädig ein Auge zu. Zehn Minuten darf die Künstlerin Claudia Rogge ihren mobilen Ausstellungsraum "mob il 1" den Passanten Passanten hier zwischen Marienplatz und Viktualienmarkt zeigen.Einige kramen sofort ihre Suchkameras hervor, fotografieren das ungewöhnliche Fahrzeug. Andere bestürmen die Künstlerin mit der Frage, was sie denn mit der Plastikkopf-Installation ausdrücken wolle. Rogge hält sich mit einer Interpretation zurück, interessiert sich ihrerseits für Meinungen und Assoziationen der Anwesenden. "Schaut toll aus", ist der Kommentar einer jungen Frau. "Mal was anderes", meint eine Dame. "Erinnert an ein makabres Mahnmal", steuert einer der Jugendlichen bei.
Seit Anfang April ist die Düsseldorfer Künstlerin nun in ihrem LKW mit Glascontainer in europäischen Städten unterwegs, denn so erreicht sie ein Publikum, das sich sonst nicht für Kunst interessiert. Sie ist bereits mit dem Förderpreis der Kurt Eisner Kulturstiftung ausgezeichnet worden. Rogges Interventionen im öffentlichen Raum sind provokant, so hat sie in der Düsseldorfer Fussgängerzone eine Installation mit 300 Schweinsköpfen realisiert. Neben einigen empörten Passanten war auch das Ordnungsamt von der Idee wenig begeistert und verbot die Aktion. "Es wäre schön, wenn ich einfach weiterfahren könnte," dachte sich damals die Künstlerin. Mit dem Eisner-Förderpreis konnte sie sich den Traum eines mobilen Ausstellungsraumes erfüllen.
Die Künstlerin ist sich auch der ambivalenten Wirkung ihrer neuen Arbeit mit den aufeinandergestapelten Puppenköpfen bewusst und setzt auf die ästhtische Dimension der Masse, die vielfältige Assoziationen von Kindesmissbrauch, Abtreibung, Gentechnik bis hin zu Auschwitz auslöst. Die Reaktionen waren auf ihrer Europa-Tournee bisher sehr unterschiedlich und reichten von Ablehnung bis zu begeistertem Zuspruch. In München ist der gläserne LKW noch heute an belebten Plätzen, wie dem Viktualienmarkt, Sendlingertor, Isartor und an der Münchner Freiheit zu sehen. Die Akkumulation der Puppenköpfe lässt sicher viele Fragen offen. Doch Rogge ist bereit, sie zu beantworten und im Gespräch auf ihr Publikum einzugehen.
anwi/cog