Rheinische Post, 8. Juni 2002

Künstlerin Claudia Rogge fuhr mit einem gläsernen Lastwagen durch Europa: Mit 5000 Puppen-Kinderköpfen unterwegs
Die Revolution frisst ihre Kinder


Von Heribert Brinkmann

Sechs Wochen lang war Claudia Rogge mit dem Lkw samt gläsernen Aufsatz unterwegs. Mit ihrer Installation aus 5000 Plastik-Puppenköpfen war die Oberkassler Künstlerin überall, wo sie anhielt , schnell umlagert und mit den Passanten im Gespräch. Begonnen hatte sie die Reise durch deutsche und westeuropäische Städte auf dem Schadowplatz in Düsseldorf. Die am Anfang noch sauber gestapelten Kinderpuppenköpfe zogen viele Blicke auf sich.
In deutschen Städten wurde sie bei ihrem Projekt sofort auf das Thema Gen-Technik angesprochen, viele fühlten sich an KZ erinnert. Im Ausland dagegen löste die Künstlerin ganz andere Assoziationen aus. In Belgien brachten die Passanten die Puppenköpfe sofort mit dem Kinderschänder Dutroux in Verbindung, in Paris wurde die Installation viel politischer aufgefasst - was natürlich am Datum lag. Claudia Rogge stand mit ihrem Lkw am Tag vor dem 1.Mai vor dem Centre Pompidou. In den Gesprächen fielen Begriffe wie Französische Revolution und Guillotine oder "Die Revolution frisst ihre Kinder". Keiner in Belgien oder in Frankreich dachte dagegen an Gen-Technik. In Berlin war am selben Tag ein totes Baby in einer Mülltonne gefunden worden. Dieses Thema bescherte Claudia Rogge ein unerwartetes Medienecho. In Berlin machte sie auf dem Alex und an der Gedächtniskirche halt, in Hamburg auf der Reeperbahn. Überall traf sie auf interessierte Passanten - und hilfsbereite Polizisten.
Nur einmal streikte die Künstlerin selber: Nach der Strecke Paris-Brüssel-Amsterdam war sie nicht mehr aufnahmefähig. Am Strand von Den Haag hockte sie sich mit einer Portion Pommes einfach an den Strand. Claudia Rogge will ihre Reise fortsetzen. Geplant sind Abstecher nach Kassel, Prag und Wien. Am Ende wird alles in einem Buch dokumentiert.