Rheinische Post,  8. März 2010

Die rote Couch steht jetzt in Heerdt


Stars der internationalen Fotoszene haben einen gemeinsamen Fluchtpunkt: Linksrheinisch, an der Hansaallee, arbeiten Andreas Gursky, Thomas Ruff, Axel Hütte. Und im Atelier von Stefan Kaluza und Claudia Rogge gibt es einen berühmten Neuankömmling namens Horst Wackerbarth.


Von Ananda Milz


Ob eingequetscht in einer isländischen Erdspalte oder verfrachtet ins Geäst eines griechischen Olivenbaums – seit mehr als 30 Jahren ist die rote Couch treue Begleiterin von Horst Wackerbarth. Mit ihr reist der Fotograf um die Welt, auf ihr haben bereits Stars wie Peter Ustinov, russische Bettler und Lehrerinnen aus Ratingen gleichermaßen Platz genommen – und immer verhilft sie Wackerbarth zu großem Ruhm.
Jetzt haben der Weltenbummler und seine „Lady in red“ eine neue Basisstation in der Heimat gefunden: Seit einigen Wochen residieren sie linksrheinisch an der Hansaallee 159. In dem 1500 Quadratmeter großen Loft arbeiten bereits Sefan Kaluza und Claudia Rogge unter einem Dach – beide sind ebenfalls dick im Fotogeschäft. Kaluza ist bekannt für seine detailversessenen Fotostrecken: Auf rund 30 000 Bildern hat er die ehemalige DDR-Grenze dokumentiert oder auch das Rheinufer in seiner gesamten Länge von 1620 Kilometern festgehalten. Rogge hingegen bleibt meist an der Hansaallee und arrangiert ihre Kunstfiguren in aufwendigen Einzelschritten im Studio.
Doch ob Erdspalten, Flüsse oder Menschen – bei allen Arbeiten handelt es sich um szenische Fotografie. „Es geht längst nicht mehr darum, irgendwo hinzugehen und zu knipsen. Es muss eine Realität gebaut, eine  Parallelwelt geschaffen werden“, sagt Kaluza. „Der Druck auf den Knopf ist fast Nebensache.“ Diese Denkrichtung eint die drei Künstler. Der Neuankömmling spricht sogar von einer „Geistesverwandtschaft“ und fügt hinzu: „Außerdem kenne ich die beiden schon seit den 90er Jahren, wir haben gemeinsame Projekte gemacht.“ So habe sich Wackerbarth schnell entschließen können, sich mit den Kollegen zusammenzutun: „nach jahrzehntelanger Arbeit in meinem eigenen Atelier sehne ich mich nach mehr Austausch und Kommunikation.“
Auch dafür ist die Hansaallee 195 eine gute Adresse. Denn Kaluza, der gerne kocht und bewirtet, ist Partymacher in der Szene längst bekannt. So hat vorigen Samstag die offizielle Einweihungsfeier von Wackerbarth in den heiligen Hallen stattgefunden. Es sein ein „gelungenes Gesamtkunstwerk“ gewesen, so die Fotokünstler unisono. Denn ob Vorstandsvorsitzende, Tanzperfomer, Sammler oder Schalke Ultra-Fans, die bei Wackerbarths neuem Projekt mitwirken – die Mischung der Gäste hat einfach gestimmt. „Weder überkandidelt noch kaputt, sondern bodenständig und offen – das macht die Party von Kaluza schon seit langem aus“, lobt Wackerbarth seinen Freund.
Doch bei aller Verbundenheit – für das gemeinsam Künstlerquartier sprechen auch pragmatische Gründe: Gute Verkehrsanbindung zur Innenstadt wie zur Autobahn und zum Flughafen sowie illustre Nachbarschaft zu Fotogrößen wie Andreas Gursky, Thomas Ruff und Axel Hütte, die nur wenige hundert Meter weit entfernt ihre Arbeitsstätten haben.
Für die Fotografie sei die Stadt nach wie vor ein gutes Pflaster. Auch die Kunstakademie, die sich mit der neuen Professur von Gursky ab dem Sommersemester wieder vermehrt der Tradition der Düsseldorfer Fotoschule verpflichtet, werten die Kunstschaffenden als positives Signal. „Für mich ist die Szene hier nicht provinzieller als in Berlin“, sagt Kaluza, der selbst einige Jahre eine Wohnung in der Hauptstadt hatte. Zudem suche er seine Motive ja nicht auf der Straße, „dafür wäre Düsseldorf sicher falsch“. Und Zuhause sei für ihn vor allem dort, wo er Freunde hat.
Horst Wackerbarth gehört nun auch ganz eng dazu. „Hier fühl ich mich sicher, es gibt keine Eifersüchteleien und jeder hat seinen Platz“, sagt der 59-Jährige, der im kommenden Sommer bei Ruhr 2010 seine neusten Fotos mit der roten Couch im Duisburger Lehmbruck-Museum zeigt. Und auch der flüchtige Besucher spürt: Es ist herzlich und heimelig an der Hansaallee. Vielleicht gerade die Erfolgsformel – für linksrheinisch.