Rheinische Post 08.01.2011

Die wilde Welt der Claudia Rogge

VON DAGMAR HAAS-PILWAT

In ihrem Atelier an der Hansaallee erschafft die 1965 in Düsseldorf geborene Künstlerin verwirrende Welten aus zahllosen am Computer bearbeiteten Bildern. Derzeit geht es um ihre Version von "Unendlichkeit" frei nach Dante Alighieris "Göttlicher Komödie".

Ihre nächtlichen Fotosessions sind Kult: Um 17 Uhr treffen sich die Protagonisten im Atelier an der Hansallee. Die Inszenierungen sind perfekt vorbereitet. Mit klebrigem Rübenkraut werden die nackten Darsteller geteert und anschließend gefedert. Jeder Solist wird in Pose fotografiert. Der eine schwebt von der Decke, der andere kauert am Boden. Die Künstlerin Claudia Rogge weiß genau, welche Rolle der Einzelne in der Masse spielen soll.

Lange bevor die praktische Arbeit beginnt, hat sie das Drehbuch geschrieben. Kostüme, Kulissen, Maskenbildner – alles zur Stelle. Aber anders als auf der Theaterbühne "finden die Auftritte meiner Modelle einzeln vor dem Kameraobjektiv statt", erklärt sie. In ihrer neuen Serie hat die 45-Jährige frei nach Dantes Klassiker "Die Göttliche Komödie" ihre ganz eigenen Szenen der "Unendlichkeit" entworfen.

Sie hat sich auf die Reise gemacht durch die drei Reiche des Jenseits: durch die "Hölle", das "Fegefeuer" und das "Paradies". Zwölf verschiedene Motive sind in den vergangenen zwölf Monaten entstanden. Alle im Hochglanzformat auf einer Größe von 2,15 auf 1,65 Meter und von einer unglaublichen, atemberaubenden Wucht: Wer die ersten Abzüge sieht, ist gefesselt und gefangen, taucht ein und unter im Bad der Menge, kann sich nicht sattsehen an den schönen Menschen im "Paradies" oder ist total irritiert von den Szenen der "Völlerei" und der entfesselten "Wolllust", die an italienische Freskenmalerei erinnert.

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Claudia Rogge Fegefeuer 20101016

Claudia Rogge – so zierlich wie energiegeladen – hat wieder starke Bilder von verwirrender Ästhetik geschaffen. Für ihre neue Foto-Serie, die 2010 weltweit auf allen großen Kunstmessen und in fünf Einzelausstellungen von Wien, Zürich, Düsseldorf bis Italien und China präsentiert werden, hat sie allein 20 000 Einzelbilder geschossen, danach begann die Bildkomposition, die eigentliche künstlerische Arbeit: Jede Aufnahme wird einzeln gesichtet, ausgewählt und für die Montage am Computer bearbeitet. Am Rechner werden die ausgewählten Fotos so lange inszeniert, bis der Eindruck einer Gruppenchoreografie entsteht. "Was die Darsteller liefern, ist mein Rohstoff, mein visuelles Vokabular", erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin, die rasant als Künstlerin international Karriere gemacht hat.

Ob sie jedoch Fotos von verschiedenen Personen zu ihren teils bewegten, teils statisch wirkenden Kompositionen zusammenfügt oder durch das fotografische Klonen eines einzelnen Menschen ein Muster schafft oder – wie jetzt erstmalig – in den aktuellen Arbeiten Räumlichkeit durch farbigen Hindergrund schafft, eines gilt für alle: Rogges Kunst kommuniziert. Seit ihren künstlerischen Anfängen in den 90er Jahren bleibt sie sich ihrem Thema treu: Die Spannung zwischen dem Individuum und seinem Versinken in der Masse.  Der Einzelne taucht nie allein auf, schon nicht bei den ersten Projekten "mob il 1" und "mob il 2": Mit einem gläsernen Lkw reiste sie durch Europa und hinterließ eine Spur der Provokation. Eine der im Lkw beherbergten Installationen bestand aus dem 5000-fach vervielfältigten Abguss eines Babykopfes. 2004 zog sie neugierige Passanten an, als im 7,5-Tonner 66 lebensgroße, nackte Männerpuppen auf ihren Knien kauerten.

Das Irritierende an Rogges Arbeiten ist das Nebeneinander von glänzender Ästhetik und einem Gruseln, das die Uniformität der Figuren mit sich bringt. "Dabei ist Masse für mich positiv besetzt, sie hat Stärke, Form und Ästhetik", sagt sie. Und einmalig sind sie alle, die Protagonisten der Claudia Rogge. Jede Haltung, jede Geste, jedes Gewand ist individuell ausgesucht. Auch am Computer setzt die Künstlerin der Reproduzierbarkeit Grenzen: Die "Unendlichkeit" gibt es nur in einer Sechser-Auflage – und das macht sie fast zum Unikat.