Kölner Stadt-Anzeiger, 3. April 2002

Ein Lastwagen voller Puppen-Köpfe

Düsseldorferin startet mobiles Kunstprojekt - Schon mehrere provozierende Installationen

Claudia Rogge fährt mit einem gläsernen Fahrzeug und 5000 Puppenköpfen an Bord durch Europa


von Sandra Schipp

Auslöser war ihr ständiger Ärger mit dem Düsseldorfer Ordnungsamt. Immer wieder bekam die Künstlerin Claudia Rogge Schwierigkeiten wegen ihrer provozierenden Installationen auf Straßen und Plätzen. "Es wäre schön, wenn ich einfach weiterfahren könnte", dachte sie. Die Idee für einen gläsernen Kunst-Lkw als fahrende Bühne war geboren. Mit dem Gefährt ist die 36-jährige Düsseldorferin am Dienstag zu einer Europatournee gestartet. Das mobile Kunstprojekt "m o b" ist nach ihren Worten weltweit einzigartig. Sechs Meter lang, drei Meter hoch ist die Konstruktion aus bruchsicherem und feuerfestem Plexiglas. 5000 Plastik-Kinderköpfe aus Hongkong zieren den Innenraum des Lkw. Rogge greift damit ihr Hauptthema auf: die Masse. Der Name "m o b" stehe für Masse, die sich als so genannter Mob verstelbständigen könne, sagt sie. Ein Jahr brauchte sie, um das 50 000 Euro kostende Projekt auf die Beine zu stellen.
Die 36-Jährige arbeitet seit vielen Jahren im öffentlichen Raum. Mit starken Bildern versucht sie, die gewohnte Umgebung der Menschen zu verfremden und Diskussionen auszulösen - und hat sich dabei nicht immer beliebt gemacht. So sorgte ein Videoprojekt für das Kulturhauptstadtjahr Weimar 99, bei dem sie Bilder einer Geburt auf Gebäude projizierte, in Düsseldorf für erheblichen Wirbel. Ausgerechnet in ihrer Heimatstadt schmiss ein wütender Passant den Projektor um. Danach hatte das Ordnungsamt die Künstlerin im Visier.
Ärger bekam sie anschließend wegen eines gläsernen Raums: Damit wollte Rogge gegen eine Änderung der Straßensatzung protestieren, mit der Randgruppen von den Straßen verdrängt werden sollten. Sie hatte Obdachlose, Renter und andere Menschen gebeten, sich in den Container zu stellen. Zu sehen waren nur die Köpfe. Am nächsten Tag erblickten die erstaunten Passanten in dem Glasraum Schweineköpfe. Das war zu viel für das Ordnungsamt, das noch am selben Tag die Räumung veranlasste. Für die Projektreihe "Die sieben Todsünden" mit einem weiteren Künstler holte Claudia Rogge keine Genehmigung mehr ein. Daraufhin habe das Ordnungsamt die dritte Installation dieser Reihe "zerflückt und abtransportiert". Sie erhielt eine Untersagungsverfügung, wonach sie nie wieder Installationen in Düsseldorf aufstellen dürfe. Daraufhin schaltete sich nach ihren Angaben der Kulturausschuss der Stadt ein und wies das Ordnungsamt in die Schranken.
Bei ihrem nächsten Projekt mit dem gläsernen Lkw erwartet Rogge keine Schwierigkeiten. Sie werde derzeit mit "Samthandschuhen angepackt", sagt die Künstlerin. Dabei ist auch diese Installation wieder sehr provokativ: Die Interpretationen reichen von Massenkonsum über Abtreibung und Gentechnologie bis zum Thema Auschwitz.
Mit ihrem Lkw will Rogge auch Menschen ereichen, die sonst nie in eine Galerie gehen würden. Ihre Idee wurde bereits ausgezeichnet: Im vergangenen Jahr erhielt sie für "m o b" den Kurt-Eisner-Kulturpreis der Stadt München. Ihre Tournee, die gestern begann, wird Rogge auch nach Paris und Amsterdam führen. In Deutschland ist sie in zehn Städten zu Gast - darunter Köln. Rogge selbst sitzt am Steuer des Lastwagens und wird mit Passanten diskutieren.
(ddp)