Rheinische Post, Kultur, 11.Feb 2005
Etwas leiser
Die Düsseldorferin Claudia Rogge machte sich mit Kunstwerken einen Namen, die sie in einem Lastwagen durch Europa kutschierte. Ein Besuch in ihrem Oberkassler Atelier
Von Klaus Sebastian
Claudia Rogges Idee, mit einer mobilen Kunst-Installation durch halb Europa zu reisen, rief zunächst die Skeptiker auf den Plan. "Bekommt man überhaupt eine Zulassung für einen 7,5t-Lkw mit einem verglasten Aufbau? Wer soll das bezahlen? Wer soll das bauen?" - so lauteten die ersten Reaktionen.
Doch so schnell ließ sich die Düsseldorfer Künstlerin nicht entmutigen. Sie klopfte bei Sponsoren an, begeisterte sogar den Ministerpräsidenten von NRW für ihr Projekt, und zuletzt gab es auch noch den Förderpreis der Kurt-Eisner-Kulturstiftung. Damit war die Finanzierung gesichert.
Zweimal hat Rogge ihren mobilen, transparenten Schaukasten nun schon durch Europa gefahren: 2002 kutschierte sie 5000 Baby-Köpfe aus Kunststoff von Düsseldorf nach Köln, Hamburg, Berlin, Dresden, Zürich, Brüssel, Paris und viele weitere Städte. Unterwegs protokollierte sie die Reaktionen der Zuschauer. Zwei Bücher mit brillanten Fotos und den Tagebuchnotizen der Künstlerin sind jetzt erschienen.
Für ihre zweite Tour "mob il 2" (von Düsseldorf südwärts in die Schweiz und nachher über Paris nach London) belud Rogge den Transporter mit 66 lebensgroßen Männerplastiken. Wieder sammelte die studierte Kommunikationswissenschaftlerin die Reaktionen und Kommentare des von der öffentlichen Kunst überraschten Publikums. "Erkenntnis gewinnt man aus der Fremd- wie aus der Eigenbeobachtung" - so zieht sie ein Fazit aus diesen Er-Fahrungen.
Besuch im Atelier:
Auf dem Bildschirm ihres Computers erscheinen Fotos von nackten Körpern, von Figuren, die ihre Hände zum Gebet aneinanderlegen, von anmutigen weiblichen Hinterköpfen. Rogge geht in der Regel von einem einzigen Bild aus. Dieses visuelle Basiselement wird so lange zurechtgerückt und multipliziert, bis es am Ende zu einem rhythmischen Muster, einer Art Ornament zusammenwuchert. Sie möchte "bedeutungsoffene" Bild-Ereignisse haben, das heißt: Der Betrachter soll genug Raum für eigene Assoziationen haben.
Aber muss man beim "Experiment mit menschlichem Material" nicht gleich an die umstrittenen Klonversuche der Wissenschaft denken? Dass es in der Entwicklung von Kunst und Wissenschaft mitunter verblüffende Parallelen gab, weiß sie. Das Thema "Klonen" sei aber nicht der Ausgangspunkt für ihre neuesten Plastiken und Bilder gewesen. Es ist vielmehr das Phänomen der "Masse", das sie zu immer neuen Versuchsanordnungen anspornt: "Warum löst der Anblick einer Menschenmenge zumeist negative Assoziationen aus?" "Wann wird Masse zu einem Organismus - und wie kann man das in einem Gesamtgefüge zeigen?"
Die Zeiten, in denen sie ahnungslose Passanten mit eingesperrten Obdachlosen oder Schweineköpfen hinter Glas schockierte, scheinen vorüber. "Wenn man zu laut provoziert, wird nachher nur noch über die Provokation gesprochen."
Claudia Rogge widmet sich ihrem Thema nun etwas leiser. Mit Formgefühl und einem hochmodernen Bildbearbeitungsprogramm tastet sie sich voran.
Im Oberkassler Atelier stehen bereits mehrere mit Akt-Figuren bedruckte Plexiglas-Stelen bereit. Die werden wiederum durch Europa reisen - diesmal aber nicht im Lkw. Eine Galerie will die neuen Arbeiten auf den großen Kunstmessen präsentieren.
