Die ornamentalen Gesichter der Masse
Überlegungen zur Fotografie von Claudia Rogge
Von Heinz-Norbert Jocks
In der Menge unterzutauchen, um in der Anonymität zu verschwinden, ist ein massenhaftes Verlangen, dem der Mensch in der Großstadt, ob willentlich oder unwillentlich, tagtäglich nachkommt, so obsessiv wie unumgänglich. Sobald er sich unter die Passanten draußen auf breiten Boulevards, in langen U- Bahn-Schächten oder in engen Straßen-Bahnen mischt, um morgens zur Arbeit zu kommen, passt er sich zwangsläufig deren ewigem Rhythmus an. Fortan ist er von den anderen, mit denen er zusammen eine Masse bildet, kaum mehr zu unterscheiden. Er ist numerisches Teil eines riesigen Uhrwerks synchronisierter Bewegungen. Unweigerlich der Masse auf der Spur, partizipiert er mit dem, was er tut, an deren Einheitsgesicht. Die Erfahrung der Menge trägt quasi die Spuren „der tausend Stöße“, so der französische Dichter Charles Baudelaire, die der Passant im Gewimmel und Gewusel einer Stadt erleidet und die sein Ichbewusstsein nur um so wacher halten. Es wundert einen kaum, dass dieser wahre Spezialist unter den Erforschern grosstädtischer Wahrnehmung auf die Natur zu sprechen kommt, sobald er das so oft untersuchte Phänomen der unhintergehbaren Masse berührt. Ja, er zieht poetische Vergleiche mit der Brandung des Meeres, dem ständigen Treiben der Wolken, den Rhythmus eines vom Wind in gleichmäßige Bewegung versetzten Kornfelds.
Und in der Tat gleicht die Masse einem gewaltigen Naturschauspiel. Sobald man sich ihr aus der Ferne annähert, werden nicht nur deren Strukturen und Bewegungen sichtbar, sondern auch die sich verändernden, von menschlichen Ansammlungen gewebten Muster und ornamentalen Bilder. Bezeichnend ist, dass in der Masse die Klassenunterschiede aufgehoben sind. Und vielleicht liegt auch darin ihr verlockender Reiz, sich von ihr bis zur Selbstvergessenheit einverleiben zu lassen. Sobald aus dem Einzelnen, der er zu sein glaubt, ein Repräsentant der Masse wird, ist dieser aus dem leidigen Abgrenzungszwang erlöst. Er bewegt sich beispielsweise zur Folge der Beats in einer Diskothek wie all die anderen um ihn herum. Will er dazugehören, gibt er sich so, wie man sich zu geben hat, und kleidet sich gemäß der gerade angesagten Kleiderordnung.
Dass wir Masse allzu schnell im soziologischen wie psychologischen Kontext einseitiger Kritik an ihr sehen, hängt natürlich eng mit der Geschichte der kollektiven Barbarei im 20.Jahrhundert zusammen, da die Masse von totalitären Staaten in den Dienst genommen wurde, indem diese die Massierung ihrer Mitglieder permanent und verbindlich für all ihre Projekte machten. Da zeigt sich ihr unvermeidlicher Zwittercharakter. Wenn davon die Rede ist, dass Hitler mit seiner legendären „Wollt-Ihr-den-totalen-Krieg“-Rede das deutsche Volk begeisterte und im doppelten Sinne bewegte, so wird dabei vergessen, dass die Masse des Bösen auch eine Masse des Guten sein kann, die sich für Frieden engagiert. Denn erst wenn sich der Protest gegen George W. Busch zu einem massenhaftem weitet, hat er wirklich Aussicht auf Erfolg.
Formal unterscheiden sich übrigens die Bilder der dem Führer zustimmenden Menge nicht von den Bildern versammelter Fans eines Fußballspiels oder von den beglückten Besuchern eines Madonna-Konzerts. Die Masse ist ihrem Wesen nach potentiell verführbar. Aber das Wozu, der Vektor der Verführung ist von allerlei Bedingungen abhängig und dem Begriff der Masse nicht à priori immanent. Aber auch wer als Konsument der neuesten Mode nachjagt, unterwirft sich lustvoll dem erotischen Reiz der Uniformierung, weil das Mit-der-Mode-Gehen oder der Tanz-in-der-Reihe dem Vereinzelten das Wohlgefühl der Zugehörigkeit vermittelt.
Alle diese Überlegungen zur Masse überfallen einen angesichts der von einer seltsamen Schönheit kündenden Fotoserie „Rapport“ von Claudia Rogge. Im Grunde setzt sie hier fort, was sie mit ihrem Projekt „Mob il“ im Sommer 2002 begonnen hatte. Damals bereiste sie diverse Großstädte mit einem LKW, dessen gläserne Ladefläche 5000 haarlose identische Puppenköpfe enthielt. Auf diese Weise versetzte sie die an sich statische Masse nicht nur in Bewegung, sondern auch in ganz unterschiedliche Situationen. So meinte „Mob il“ nicht nur den „Mob“ im Sinne der negativen Masse, sondern gleichzeitig auch deren hier möglich gewordene Mobilität. Als sie ein Jahr später erneut aufbrach, aber diesmal beladen mit 66 geschichteten nackten, kahlköpfigen, am Boden hockenden Kunststoffmännern, provozierte sie noch einmal Reaktionen bei Passanten, die, aus ihrem Alltag herausgerissen, zu Betrachtern eines mobilen Kunstwerks wurden.
Wenn sie damals eine männliche Modellfigur reproduzieren ließ, um die Masse zu einem skulpturalen Ornament zu fügen, so benutzt sie jetzt die Möglichkeiten der am Computer manipulierbaren Fotografie, um die formalen Erscheinungen der Masse in den Mittelpunkt ihrer künstlerischen Betrachtung zu rücken. Zu sehen ist ein kleiner Junge im Profil, der einen Anzug trägt und aufrecht steht, oder ein Mann mit kurzen Haaren, der, nackt am Boden sitzend, den Kopf mit seiner Hand stützt. Mal wird das Haar einer Frau in grauer Kitteluniform von einer Spange gehalten. Mal trägt sie es so lang, dass ihr Hals dahinter ganz verschwindet. Ein Nackter, der sich so nach vorn beugt, dass wir auf seinen frisierten Kopf blicken, ist da ebenso das Grundmodell eines Ornaments wie ein Mann im kragenlosen Gewand, der, seine Hände über Kreuz an seinen Brustkorb drückend, dabei wie ein von irgendetwas Erleuchteter wirkt. Ob da ein brachial erscheinender Glatzköpfiger im schwarzen Ledermantel von hinten oder ein friedlich anmutender Streifenanzugträger, der seine Hände eng am Körper hält, fixiert wird, stets zeugt der Anblick der Körper von einer ungewissen Stille, die etwas beruhigend-Beunruhigendes hat. Alles in allem sehen wir Körper, die sich bis aufs I-Tüpfelchen gleichen. Handelt es sich dabei um geklonte Existenzen, so oft reproduziert, dass sie die Bildfläche wie ein ruhiges, von Händen, Füßen, Armen, Haltungen geformtes Muster überziehen? Der Unterschied zwischen aus- und angezogen ist dabei so aufgehoben, dass die Nacktheit weder nackt noch erotisch, sondern merkwürdig indifferent wirkt. Die Schönheit, die man in den Lehren des Musters entdeckt, birgt etwas Geheimnisvolles in sich. Dessen Lesbarkeit zielt ins Offene eines nicht nur ästhetischen Diskurses über die Masse als Dauerphänomen.
