22.09.2011 Freie Presse Sachsen



Helfen ist (k)eine Kunst



Galerie verkauft teure Meisterwerke und finanziert damit Wohnungen für Obdachlose



von Sara Thiel

Düsseldorf. "Haste mal nen Euro?" Was für eine Frage: In Düsseldorf haben die gut Betuchten auch mal nen Tausender übrig. Oder 20.000 Euro. Dafür gibt es dann nicht nur ein warmes Gefühl ums Herz, sondern auch einen Gerhard Richter an die Wand. Oder einen Jörg Immendorff. Einen Knoebel, einen Ruff, einen Struth. Deren Bilder - abgegeben an die Galerie zum Materialpreis oder ganz kostenlos - bilden die Grundlage für die Arbeit der Fifty-Fifty-Galerie in Düsseldorf. In der vergangenen Woche sind Fotos der in Düsseldorf lebenden Claudia Rogge hinzugekommen.


Am Anfang war der Immendorff



Hilfe wird zu(m) Luxus. Selbst für die Fifty-Fifty-Galeristen. Denn für diese ist der Verkauf von Fotos, Gemälden, Objekten nur ein Zubrot. Angefangen hatte ihr Engagement vor 16 Jahren mit der Obdachlosenzeitung "Fifty Fifty". Die geht inzwischen monatlich in 60.000-facher Ausfertigung von Hand zu Hand. Und sie trägt sich komplett selbst. Deswegen hat Magdalena Risch "Spielraum für weitere Aktivitäten", sagt die Bürokauffrau, Anzeigenakquisiteurin, Vertriebschefin und Gelegenheitsschreiberin.



Also gibt es die Galerie, die über den Kontakt zu dem 2007 in Düsseldorf verstorbenen Jörg Immendorff entstanden war, einem der bekanntesten deutschen Künstler der Gegenwart. Und mit ihrer Galerie steigen die ehrenamtlichen Kunstverkäufer gleich hoch ein. "Die Leute, die Kunst kaufen, wollen Hochkarätiges", sagt Magdalena Risch. Sie möchten keine Talente unterstützen, sondern haben, was es nicht überall zu kaufen gibt.



Dafür zahlen sie, die Kunden der Galerie, reale Marktpreise. Sie - das ist nicht nur eine überschaubare Elite. Außergewöhnliche, zumeist signierte Werke und ein gut funktionierender Rundbrief haben der Galerie einen deutschland-, sogar europaweiten Kundenstamm eingebracht. Die Nachfrage ist mitunter so groß, dass die Werke verlost werden- so wie im Fall von zweimal 15 Plakaten, die der in Köln lebende Malerstar und gebürtige Dresdner Gerhard Richter den Düsseldorfern überlassen hatte.



Ein exklusiver Platz für reiche Leute ist die Galerie indes nicht. "Hier steht auch immer wieder ein Obdachloser und müffelt vor sich hin", erzählt Risch. Der wohnungslose Gast stellt dann seine Pulle auf den Boden und guckt sich die Bilder an. Und die Preise. "Das kann ich doch auch", sagt dann manchmal einer. Aber ohne Wohnung zu sein bedeutet nicht, keine Ahnung zu haben. Das Interesse am Schöpferischen sei durchaus auch bei denen da, die auf der Straße leben, sagt die Galeristin Magdalene Risch.
Nackt, verwundet, göttlich



Das gilt vor allem dann, wenn die Künstler die Obdachlosen für ihre Arbeit brauchen. Der 1954 in Geldern am Niederrhein geborene, international renommierte Fotograf Thomas Struth etwa hat unter den Frauen und Männern Kameras verteilt, ließ sie mit dem Fotoapparat ihren Standpunkt, ihre Sicht auf die Welt dokumentieren - ehe Struth selbst die Standorte von Bettlern, Pennern und Streunern festhielt.



Bettler, Penner, Streuner: herabsetzende Worte für fremde Menschen. Auch die Fotografin Claudia Rogge, Jahrgang 1965 - wie Struth aus der Düsseldorfer Photoschule von Bernd und Hilla Becher hervorgegangen - hat sich diesen Fremden genähert. Hautnah lernte sie die Menschen kennen. Claudia Rogge fertigte von ihren Modellen Akte, die sie zu großen Bildern montierte, Illustrationen zu Dantes "Göttlicher Komödie". Es sind Bilder mit Wunden, Narben, unperfekten Modellen. "Das hat unsere Leute richtig stolz gemacht", sagt Magdalene Risch. Und es hat der Galerie eine Diskussion über Würde eingebracht, schon sprechen einige wieder einmal von Skandal. Soll keiner sagen, Kunst bewege nichts. Und sie bringt was ein: 13.000 Euro soll je eines von drei großformatigen Motiven kosten. Die 30 Einzelporträts wurden mit 980 Euro angesetzt.



Dieses Geld geht - wie immer- direkt in ein Projekt des Trägers der Galerie. Die Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder des Heiligen Franziskus hat mit den Einnahmen bislang mehr als 3000 Obdachlose in Wohnungen untergebracht. Sie finanziert die Armenspeisung, Trainingswohnungen für obdachlose Frauen, eine Notschlafstelle für minderjährige drogensüchtige Prostituierte eingerichtet.



Die Ausstellung "Himmel, Hölle, Fegefeuer" in der Fifty-Fifty-Galerie - Jägerstraße 15, Düsseldorf-Eller. Alle Bilder gibt es in einer Auflage von je drei Stück. Öffnungszeiten: täglich außer sonntags von 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung: 0211 9216284.



www.fiftyfifty-galerie.de




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