Westdeutsche Zeitung , Kultur, 8. Juli 2005,

In der Masse wird der Mensch zum Muster

Die Ferien haben begonnen, doch viele Galerien in Düsseldorf haben weiterhin geöffnet. Wer nicht verreist, sollte einen Blick auf neue, junge Kunst werfen.

Von Helga Meister

Rapport ist ein Bericht und ein Muster. Claudia Rogge liebt beides. Geschult in Soziologie, Philosophie und Psychologie, sieht sie im Individuum das Typische. Und wo sich das Wesen nicht sofort entschlüsseln lässt, sorgt sie für eigenwillige Interpretation. Dabei hat sie stets Massen- und Musterbildung vor Augen.
Jedes Foto ist gestellt. Sie wählt Frisuren und Kleidungsstücke aus, und sie ist glücklich, wenn das Kind am linken, durchgedrückten Arm eine Schramme hat, denn die lässt sich später wie der Zopf und die Bänder rhythmisch akzentuieren. Sie macht Hunderte von Fotos desselben Motivs, bis sie das eine Bild gefunden hat, das sich multiplizieren lässt und zugleich eine feine Bewegung enthält. Dass es etwas komisch wirkt, wie das Ergebnis einer veralterten Erziehungsmethode, ist um so besser. Die Vervielfältigung des einen Kindes zur Masse Mensch entsteht am Computer. Im Auf und Ab der Zöpfe und Arme, der Streifen, Schleifen und Hälse entsteht eine merkwürdige Farblandschaft. Eine andere Rückenansicht im grauen Kittelkleid, mit Reißverschluss und blütenweißer Bluse erscheint als Inbegriff des Biederen. Die Sechsjährige mit dem langen Haar, dem weißen Kleid und dem Blick gen Himmel wirkt im Duzend wie die Verzückte im neuen Anbetungsritual. Typisch Mann ist die Rückenansicht einer multiplizierten Figur mit kahl geschorenem Kopf, Lederjacke, weißem Hemd und jenem Lichtaufprall auf dem Leder, der dem Bild Struktur und Rhythmus gibt, so dass das Schwarz eine lebendige Farb- und Formdichte erhält. Alle Arbeiten sind reale Abbilder und doch wie geklont in ihrer Uniformität. Im Übergang des Individuums in die Masse wird der Körper abstrahiert und der Mensch zum Muster.