Der Westen 01.09.2011
Kunst
Die Hölle auf Erden

von Jo Achim Geschke
Düsseldorf. Menschen flehen zum Himmel, klagend die Hände erhoben, verletzlich, nackt, Verzweiflung im Gesicht oder den Kopf in den Händen verborgen. Vor düsterem Hintergrund oder hoffnungsvoll blauem Himmel ein Bild der Verdammnis, der Höllenpein, wie geschaffen als Kommentar zu Dantes Höllen-Inferno. Geschaffen von Claudia Rogge, die die großformatigen Fotos jetzt in der Galerie Voss an der Mühlengasse - und in der Fiftyfifty-Galerie an der Jägerstraße 15 präsentiert. Denn die Nackten auf den Bildern sind 21 Obdachlose, die Rogge für ihre dantesken Kreationen abgelichtet hat.
Narben und Verbände
„Seit einem Jahr arbeite ich an einem Zyklus Paradies- Fegefeuer - Hölle“, erläutert Rogge (43), angeregt durch Dantes Höllenkreise in der „Göttlichen Komödie“. Zunächst arbeitet Rogge „mit Models, schönen Menschen, die unserer Vorstellung von Schönheit und auch von der Hoffnung auf Unsterblichkeit erfüllen. Nach einem Gespräch mit Hubert Ostendorff von Fiftyfifty wurde mir klar: Die Obdachlosen haben ja die Hölle auf Erden oder sogar in sich.“
Die 2,15 mal 1,65 Meter großen Bilder glänzen nur auf den ersten Blick. Die Menschen zeigen Narben, Verbände, keineswegs glatte faltenlose Haut. „Ich kam da gerade aus dem Krankenhaus, hatte noch Verbände an den Füßen“, erzählt Armin (39), ein Model auf Rogges Bildern und Fiftyfifty-Verkäufer.
Bei der Zeitungsausgabe im Franziskaner-Kloster im März hat Rogge etlichen Obdachlosen ihr Projekt vorgestellt. Zum Fotografieren ins Atelier kamen dann 21 von ihnen, „die habe ich alle einzeln fotografiert. Ich war sehr aufgeregt. Aber es hat alles super funktioniert, alle haben interessiert mitgemacht“, sagt Rogge. Und Model Armin meint lächelnd: „Ist ja nicht jedermanns Sache, nackt zu posieren. Aber sie hat das toll hinbekommen.“
30 Einzelporträts hängen bei Fiftyfifty, 40 mal 30 Zentimeter. „Ich wollte sie nicht einfach ablichten in den Posen, sie sollten ja auch Würde erhalten“, beschreibt Rogge die Arbeit. Aus 1500 Fotos wurden dann die ausgesucht, die freigestellt zu den dantesken Großfotos zusammengesetzt wurden, die an religiöse Bilder des Barock erinnern. Drei Monate hat sie allein für diese drei großen Fotobilder gebraucht.
Alle Arbeiten in der Fiftyfifty-Galerie sind käuflich, die großen Werke (Auflage: 3) kosten 13 000, die kleinen je 980 Euro. „Der komplette Erlös geht an die Obdachlosenhilfe“, sagt Rogge. Die Künstlerin ist mit provokanten Aktionen für Obdachlose und Ausgegrenzte stadtweit bekannt geworden: Sie stellte sie mit „Restposten“ in Müllcontainer oder schockierte mit 100 Schweineköpfen.