RP Online 02.09.2011
Obdachlose als Aktmodelle
Claudia Rogges verwundete Körper
von Kerstin Artz
Düsseldorf (RP). Die neue Fotoserie von Claudia Rogge zeigt die Hölle auf Erden: Die Künstlerin hat Obdachlose fotografiert – nackte Obdachlose. Dabei sieht der Betrachter jede Blessur, jede Wunde. Gleichzeitig erinnern die Gesichter daran, dass jeder Mensch eine Würde besitzt.
Auf der Straße werden sie ignoriert. Die meisten Menschen gehen an Obdachlosen vorbei, sehen durch sie hindurch – aus Scham, Angst, oder einfach, weil es sie nicht interessiert, wie andere Menschen leben. "Obdachlose erleben durchaus die Hölle auf Erden", sagt Claudia Rogge. Die 46-Jährige hat in Zusammenarbeit mit fiftyfifty eine Fotoserie realisiert, die Obdachlose nackt abbildet. Und plötzlich werden aus anonymen Ausgegrenzten Menschen mit einer Geschichte, die jedem passieren könnte. Barbara zum Beispiel fiel der Künstlerin auf, weil sie außerordentlich gepflegt war. "Die Fingernägel, die Haut, alles sah gut aus", erinnert sich Rogge. Hinterher stellte sich heraus, dass die Frau unter dem Borderline-Syndrom litt.
Die Gründe, warum Menschen den Boden unter ihren Füßen verlieren, sind vielfältig. "Bei einigen war eine Krankheit der Auslöser, bei anderen der Verlust des Jobs oder des Lebenspartners", sagt Rogge. "Da ist mir klar geworden: Entgleisen kann jeder im Leben." Eingeordnet werden kann das Projekt in ihr derzeit aktuelles Werk "Ever after", mit dem sie sich den Jenseitsbereichen Paradies, Fegefeuer und Hölle widmet. Dass diese Begriffe aber nicht nur transzendent sind, wurde ihr klar, weil sie schon häufiger mit Obdachlosen zusammengearbeitet hat. "Die leben in der Hölle und kommen ins Paradies, wenn sie ihrer Sucht nachgeben."
Aus Scham wird Selbstbewusstsein
Umgesetzt hat Rogge die Produktion mit Hubert Ostendorf von fiftyfifty. "Unsere Sorge war, dass die Obdachlosen nicht mitmachen", sagt sie. Bei der Vollversammlung von fiftyfifty im Mai 2011 stellte Rogge das Projekt vor etwa 150 Obdachlosen vor. Einen Monat später sollten sich die Freiwilligen melden. Einer von ihnen war Armin. Der 39-Jährige lebt in einem betreuten Wohnheim, leidet unter Neurodermitis, trinkt. Warum er mitgemacht hat? "Weil ich Geld brauchte", sagt er frei heraus. Jeder der 30 teilnehmenden Obdachlosen bekam 20 Euro – als Entschädigung für den Zeitaufwand.
"Als ich dann im Studio war, hatte ich etwas Hemmungen, mich auszuziehen", sagt Armin. "Ich kannte die Frau ja nicht. Außerdem hatte ich Verbände an den Füßen, weil ich gerade aus dem Krankenhaus kam. Die hatten meine Schuppenflechte behandelt." Auf dem Einzelbild von Armin fallen die weißen Verbände sofort auf. Außerdem hat er eine Kette um den Hals geschlungen, an der er mit der Hand zieht.
Die Posen hat Rogge ausgedacht, eine Choreografin hat sie den Models vorgemacht, diese haben sie umgesetzt. "So hat jeder seinen individuellen Ausdruck bekommen", sagt Rogge. Aus den Einzelportraits hat sie dann drei große Kompositionen geschaffen: das Paradies, das Fegefeuer, die Hölle. "Mich hat fasziniert, wie empathisch die Leute mitgemacht haben. Die haben sich richtig vorgestellt, im Paradies zu sein. Und sie haben es genossen, ernst genommen zu werden."
Die Arbeit mit den Obdachlosen – die übrigens nicht alle auf der Straße leben – hat die Künstlerin sehr berührt. "Ich habe einige von ihnen wiedergetroffen, mit einer Frau war ich mal essen." Auch zur Weihnachtsfeier ist sie bereits eingeladen worden.
Die Bilder werden demnächst verkauft: Die Einzelportraits (40 mal 30 Zentimeter) kosten jeweils 980 Euro, für die Großformate (165 mal 215 Zentimeter) müssen jeweils 13 000 Euro bezahlt werden. Der Erlös kommt fiftyfifty zu Gute. "Wir werden damit ein Wohnprojekt am Rather Broich unterstützen", sagt Ostendorf.
Ausstellungstermine:
fiftyfifty-Galerie Am Freitag, 16. September, 19 Uhr, wird die Schau an der Jägerstraße 15 eröffnet. Sie geht bis zum 29. September.
Andere Arbeiten zum Gesamtprojekt „Ever after“ stellt Claudia Rogge ab Freitag, 9. September, 18 Uhr, in der Galerie Voss, Mühlengasse 3, aus. Diese Werke zeigen Paradies, Fegefeuer, Hölle mit makellosen Models.