Weser Kurier 23.05.2011
Große Kunstschau nach zehn Jahren Sanierung und Erweiterung
Neue Zeitrechnung mit "Menschenbilder" in Worpswede
Von Undine Zeidler
Das von 1969 bis 1971 erbaute Roselius-Museum, bisher schon ein vollständiger Bau, erscheint nun wie eine schmale Fassung, die einen Diamanten umschließt: Der Innenhof der Großen Kunstschau wurde im Rahmen des Masterplanes Worpswede in einjähriger Bauzeit überbaut, mit zwei Ausstellungsräumen. Deckenhöhe bis 5,50 Meter. Diese Wände braucht es auch für die großformatigsten Arbeiten von "Menschenbilder": Fotografien von Thomas Struth, Andreas Gursky, Claudia Rogge, Timm Rautert oder Wolfgang Tillmans und Zeichnungen von Klaus Vogelsang.
"Wie wurde der Mensch in der Kunst in den letzten 40 Jahren dargestellt?", nennt die Geschäftsführerin der Kulturstiftung des Landkreises, Karen Hammer, im Katalog zu "Menschenbilder" die "zentrale Frage". Dafür will die Ausstellung Anregungen und Antworten finden. Dafür wurden Bilder und Skulpturen ausgewählt, die Menschen in ihrer selbst erschaffenen Umwelt zeigen oder als Künstlerporträts, die den Körper zum Thema haben, genau wie den nackten Menschen.
"Inszenierung" gaben die Ausstellungsmacher der ersten Sektion als übergeordneten Titel. Dahin führen vom Eingangsbereich die vertrauten Stufen hinab, in die kühlen Gänge mit schrägen Ebenen. Der Besucher passiert ein Zitat von Horst Janssen, so wie auch die weiteren Sektionen von Zitaten darin gezeigter Künstler eröffnet werden. Die Sektionen "Akt", "Sinnbildliches" und "Körperhaftes" folgen, führen über schräge Ebenen wieder hinauf in den Flur, der gleichsam als Klammer fungiert zwischen Hoetger-Bau mit den Worpsweder Gründermalern und dem Neubau für moderne Kunst, konzipiert von der Bremer Architekten-Gruppe Rosengart und Partner.
"Mensch in der Masse", "Mensch in der Großstadt" titeln die im Neubau räumlich beieinander liegenden Sektionen der Ausstellung "Menschenbilder". Den Verlust des Individuellen zeigt beispielsweise der Fotograf Andreas Gursky in dem Panoramafoto "Engadin". Expertin Karen Hammer von der Kulturstiftung sagte dazu in ihrer Ausstellungseinführung: "Der Mensch ähnelt einer Ameisenstraße, wenn er am weltweit bekannten Volkslanglauf in der Schweiz über eine 42-Kilometer-Distanz teilnimmt".
"Engadin" ist eine von rund 80 in Worpswede gezeigten Arbeiten, geschaffen von 34 Künstlern, Leihgaben aus der "Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland". Diese steht unter der Obhut des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann.
1446 Werke umfasst die im Jahr 1971 gegründete Sammlung. Worpswede ist für den Staatsminister Neumann daher als "eine gute Gelegenheit, im 40. Sammel- und damit auch Jubiläumsjahr Teile der Sammlung hier im Norden Deutschlands zu präsentieren?" Er freue sich, dass dies nicht in einer Metropole geschehe, sondern in einer der ältesten Künstlerkolonien Deutschlands.
Zweck der Sammlung zeitgenössischer Kunst ist es nach deren Grundsatzaussage, die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst in der Bundesrepublik seit etwa 1945 zu dokumentieren "und gleichzeitig durch die Ankäufe zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler zu fördern". Dies untermauerte Neumann nochmals in seiner Laudatio. Er nannte die Ausstellung, die er zuvor in einem Rundgang unter Begleitung von Karl-Heinz Marg, Kulturstiftungs-Geschäftsführerin Karen Hammer und der Ehrengäste aus der Politik besichtigt hatte, "einen Beitrag zum aktuellen Diskurs zeitgenössischer Kunst".
Nicht nur für das kulturelle Erbe gelte es etwas zu tun. "Wir brauchen junge Künstler, die anecken und provozieren" und auch die Galerien, die ihnen Raum geben, warb Neumann, denn: "Es ist die Kultur, die unser Wertefundament bildet". Außerdem, so mutmaßte er, könnten die jungen zeitgenössischen Künstler vielleicht die Klassiker von morgen sein. Einer dieser jungen Unbekannten war einst auch Joseph Beuys, als Leihgabe nun auch in Worpswede zu sehen.
Nachdem geladene Gäste die Ausstellung am Sonnabend eröffnet hatten, lud die neue Große Kunstschau gestern alle Kunstinteressierten zu einem Tag der offenen Tür ein. Schon wenige Stunden nach der Museumsöffnung zählten Mitarbeiterinnen mehr als 500 Besucher.