Kölner Stadtanzeiger 21.01.2010

Kitschiger Hirsch ersetzt Fotoarbeit

Von Kerstin Meier

Das Bild „Rapport 080905“ musste auf Initiative der Gleichstellungsbeauftragten von einer Wand im Bonner Bildungsministerium genommen werden. Nun werden dort heiße Debatten über die Freiheit der Kunst geführt.

Bild „Rapport 080905“

Stein des Anstoßes im Bildungsministerium:
Das Bild „Rapport 080905“. (Bild: C. Rogge/Galerie Voss)






An einer Wand im Bonner Bundesbildungsministerium (BMBF) hängt das Bild eines röhrenden Hirsches. Das allein wäre noch keine Nachricht - hätte dort nicht vorher eine Fotoarbeit der Künstlerin Claudia Rogge gehangen. Darauf ist eine Frau mit einer auffälligen Flechtfrisur zu erkennen - dutzendfach vervielfältigt. Ein erfreulicherer Anblick als irgendein dahergelaufener Hirsch, sollte man meinen. Dieser Ansicht war die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesbildungsministeriums aber nicht. Sie veranlasste, dass die Fotografie abgehängt wird - Mitarbeiterinnen hatten sich bei ihr darüber beschwert.

Tatsächlich ist auf dem Foto die entblößte Brust der Frau zu erkennen. Man stelle sich nun aber vor, überall, wo entblößte Brüste zu sehen sind, hingen stattdessen röhrende Hirsche. In Museen, auf Werbeplakaten, auf Titelseiten. Hirsche hätten Hochkonjunktur!

Die Freiheit der Kunst oder die Empfindlichkeit einzelner - was ist wichtiger? Eine Grundsatzfrage, die auf den Fluren des Bundesbildungsministeriums derzeit heiß diskutiert wird. Denn nicht alle Mitarbeiter sind glücklich mit der Zensur ihres Flurschmucks. Deswegen hängt dort nun der hässliche Hirsch. „Ein billiges Bild, das wir lizenzfrei aus dem Internet gezogen haben“, erklärt Thomas Sondermann, der in der Verwaltung des BMBF arbeitet: „Einen alten, besonders unansehnlichen Rahmen gab es noch im Fundus.“ Das Motiv des Hirsches sei „dem rheinischen Gen geschuldet“, erklärt Sondermann, gleichzeitig aber auch als Kommentar zur Bilderstürmerei im Bildungsministerium gemeint.

Ein jeder Mitarbeiter im BMBF kann sich nun selber fragen, was schlimmer ist: Billiger Kitsch oder anstößige Kunst. Offenbar versteht man im Bildungsministerium nicht nur etwas von Bildung, sondern auch etwas von Humor.